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Bürger

Gebäude

Geschichte des Gebäudes

Gernot Stepper

Die „gnädige Behausung“:
Beiträge zur Geschichte unseres Musikschulgebäudes


Die Städtische Musikschule „Johann Melchior Dreyer“ in Ellwangen trägt nicht nur den Namen eines für die Region wichtigen Künstlers aus dem 18. Jahrhundert, sondern sie ist seit 1989 auch in einem entsprechenden Gebäude jener Zeit, einem der schönsten der Stadt, untergebracht. Die Rückschau auf 40 Jahre Musikschule in Ellwangen soll deshalb auch Anlass sein, einmal auf die Geschichte ihrer Heimstatt seit nunmehr 19 Jahren zu blicken. Im Folgenden tragen wir die Daten zu der „gnädigen Behausung“ zusammen, als welche sie in den amtlichen Unterlagen meistens aufgeführt wird, soweit diese überliefert bzw. zugänglich sind.

Musikschule Ellwangen - Frontansicht

Vom Adelspalais zur „capitlischen Behausung“: der Vorgängerbau

Den frühesten Hinweis auf unser Musikschulhaus finden wir in einem Kaufbrief aus dem Jahr 1615:
Diethelm Blarer von Wartensee zu Unterböbingen verkauft seine Behausung, „der neue Bau“ genannt, an Dekan und Kapitel zu Ellwangen um 3000 fl.
Das heißt, Freiherr Blarer, der in Böbingen an der Rems residierte und dessen erstgeborener Sohn vermutlich als Erbe des väterlichen Besitzes dort eingesetzt war, hatte für seine weiteren Söhne Johann Jacob und später auch Wolfgang, die ab 1600 als Chorherren in das Ellwanger Stift eingetreten waren, zu dieser Zeit eine standesgemäße „Behausung“ erbauen lassen. Die Familie Blarer v. Wartensee – außer in Böbingen v.a. in der Nordschweiz beheimatet – war in kirchlichen Diensten sehr aktiv, u.a. stellte sie mehrere Äbte der Abtei St. Gallen, Diethelm Blarer war mit dem Ellwanger Fürstpropst Wolfgang v. Hausen verschwägert, und sein Sohn Johann Jacob Blarer wurde 1621 (bis 1654) selbst zum Fürstpropst von Ellwangen gewählt.
Noch sechs Jahre vor diesem Zeitpunkt verkaufte der Vater aus unbekannten Gründen das gerade 15 Jahre alte familieneigene Stiftsherrenpalais an das Ellwanger Stiftskapitel unter seinem Dekan (und Statthalter des Fürstpropstes) Christoph von Gemmingen. Aus dem Kaufvertrag geht hervor, dass sich an der Stelle dieses Palais’ zuvor zwei Bürgerhäuser befunden hatten und dass zu der Verkaufsmasse auch Nebengebäude (u.a. ein Badhäuslein), Garten und weitere Grundstücke gehörten.
Wir wissen leider nicht, wer das Gebäude direkt im Anschluss an den Verkauf bewohnte, vermutlich weiterhin Mitglieder der Familie Blarer. 1653 wird es als „capitlische Behausung“ erwähnt. Als Bewohner namentlich überliefert ist für die Jahre 1699 und 1703 der Stiftsherr Johann Egon Karl Joseph Graf v. Muggenthal.

Stiftsherrenpalais: Neubau 1725

Bevor wir weiter in Akten stöbern, werfen wir jetzt einen Blick auf die Fassade des Hauses, und zwar auf eine nicht gut einsehbare Stelle: Hoch oben zwischen den Fenstern des 1. und des 2. Stockwerks prangt ein Marien-Medaillon, das unser Gebäude als (ehemalige) Stiftsherrenwohnung auszeichnet. Dieses Medaillon trägt eine kunstvolle lateinische Umschrift, die von der Straße aus leider nur schwer lesbar ist: „TV noVae soLa saLVs soLa tVteLa DoMVs.“ Zu deutsch: „Du (bist) des neuen Hauses einziges Heil (und) einziger Schutz.“ Gemeint ist natürlich Maria.

Für sprachlich gebildete Leser interessant sind die in diesem Spruch verwendeten Stilmittel: Am verwirrendsten ein Hyperbaton (Umstellung, Sperrung): Die zusammengehörigen Worte „novae“ (des neuen) und „domus“ (Hauses) sind weit auseinandergerückt (gesperrt) durch die beiden Wortpaare „sola salus“ (einziges Heil) und „sola tutela“ (einziger Schutz), die ihrerseits einen Parallelismus bilden (Reihenfolge A-B-A-B) und die auch noch eine Alliteration (Stabreim s-s) und zwei Paronomasien (Gleichklänge s-l-s-l, s-a) enthalten.
Für unsere Baugeschichte von Bedeutung ist jedoch die Tatsache, dass diese Umschrift in Form eines Chronogramms gestaltet ist, d.h. sie enthält eine verschlüsselte Jahreszahl. Bei einem Chronogramm werden alle (!) vorkommenden Buchstaben, die zugleich römische Ziffern darstellen, unabhängig vom Wortzusammenhang großgeschrieben und vom Leser zusammengezählt. In unserem Fall sind folgende römische Ziffern enthalten (das Zeichen „v“ steht im Lateinischen gleichermaßen für „v“ wie für „u“): VVLLVLVLDMV. Sortiert nach Größe ergibt sich folgende Rechnung: M (1000) + D (500) + 4 × L (4 × 50) + 5 × V (5 × 5) = 1725.
Solch komplizierte hochintelligente Wortspielereien sind typisch für die Barockzeit (vgl. etwa die Inschriften des Abtes Knittel in Kloster Schöntal an der Jagst oder die Zahlensymbolik in Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion), insbesondere wenn – wie in Ellwangen – die schlauen Jesuiten in der Nähe waren. Auf jeden Fall hat eine so aufwändig gestaltete Jahreszahl eine zentrale Bedeutung, hier sicher das Jahr der Erbauung des Gebäudes oder mindestens eines durchgreifenden Umbaus in neuem Stil!
Leider liegen uns keine Unterlagen vor, die diese bauinschriftliche Datierung bestätigen; da in ihr aber ausdrücklich von einem „neuen Haus“ die Rede ist, hat sie deutlich mehr Gewicht als das an anderer Stelle – ohne Beleg – genannte Jahr der Erbauung 1744.
Nachdem das von Freiherr Blarer von Wartensee 1615 veräußerte alte Palais 110 Jahre später anscheinend dem Anspruch und Geschmack der Ellwanger Oberschicht nicht mehr genügte und deshalb 1725 dem uns wohlvertrauten prächtigen Gebäude weichen musste, können wir weitere Stiftsherren als bekannte Bewohner aufzählen: 1730 Johann Joseph Franz Gabriel Graf v. Wolkenstein; 1743 und 1749 Kammerpräsident Hochwürden Rupert Franz Xaver Freiherr v. Schwarzach; 1796 Friedrich Franz Freiherr v. Sturmfeder. Dieser war der letzte Stiftsherr, der das Haus während der fürstpröpstlichen Zeit bewohnte. Er hatte übrigens in Espachweiler eine Tabakfabrik (hinter dem Damm des Weihers neben der jetzigen Wirtschaft) gegründet, die aber in den ersten württembergischen Jahren bankrott ging.

Übernahme durch den württembergischen Staat 1802/03: Beamtenwohnungen

1802/03, bei der Einverleibung der Fürstpropstei Ellwangen in das Herzogtum (1803 Kurfürstentum, 1806 Königreich) Württemberg (Säkularisation) und Aneignung sämtlichen Besitzes des Ellwanger Stifts, somit auch all der noblen Gebäude, nutzte der württembergische Staat unser Haus als Wohnung für bedeutende Beamte des 1803 gegründeten Landes „Neuwürttemberg“. In diesem Zusammenhang begegnen uns u.a. 1805 folgende neue Bewohner: Regierungsrat Heuchelin und Forstreferent v. Normann. Die 1806 genannten weiteren Bewohner Sekretär Kaufmann und Vikar Fuchsberger dürften vermutlich keine große Wohnung zur Verfügung gehabt haben.
Man sieht, dass jetzt einfachere Verhältnisse zu herrschen begannen: An die Stelle eines einzigen – zudem unverheirateten – Bewohners treten jetzt mindestens zwei Beamte mit ihren Familien, die sich das große Haus teilen. Eine Familie wohnte im ersten, die andere im zweiten Obergeschoss, wie es auch für spätere Jahre überliefert ist. Die Räumlichkeiten der anderen Geschosse und Nebengebäude – nach einer Beschreibung des Hauses aus dem Jahr 1806 gab es u.a. eine besondere steinerne Waschküche, auch einen Pferdestall – wurden auf nicht näher bekannte Weise verteilt oder gar gemeinsam genutzt. In der folgenden Zeit waren die Bewohner der Dienstwohnungen anscheinend überwiegend leitende Beamte des Gerichts:
Vermutlich 1827 werden die beiden Oberjustizräte v. Eyb und Geß als Pächter in eine Bauaufnahme des Hauses von 1803 eingetragen.

Die „gnädige Behausung“ – hier als Lerrbachische[s] Hauß bezeichnet – heute Heimat der Städtischen Musikschule, in einer Bauaufnahme vom Anfang des 19. Jahrhunderts durch LandbauControleur Manz. Anhand solcher Bauaufnahmen konnte von der neuen Regierung über die künftige Verwendung der im Zuge der Säkularisation beschlagnahmten Gebäude entschieden werden. Im Vergleich mit dem heutigen Zustand sind nur einige Zwischenwände anders gezogen. Zwei der halbrunden Ofennischen sind bis heute erhalten geblieben (im ersten Stock). Gut zu sehen ist, dass alle Öfen vom Gang aus zu schüren waren, um die Herrschaften nicht zu stören. Das in der Ansicht fehlende Marienmedaillon wurde vom evangelisch-württembergischen Beamten sicherlich nicht ohne tiefere Absicht weggelassen … (Abdruck mit Genehmigung des Staatsarchivs Ludwigsburg, StAL, E 232 III, Bü 15, Nr. 4).

1841 wohnte im ersten Stock: Pupillarrat Schott (der später die Villa Schönau baute), später Prof. Leonhard (Rektor des Gymnasiums), im zweiten Stock: Justizprokurator Haas, später Staatsanwalt Scheuerlen und Rechtsanwalt Löwenstein.

Rathaus der Stadt Ellwangen 1857

Schon lange hatte die Stadt Ellwangen ein Problem mit der Unterbringung ihrer Stadtverwaltung gehabt, denn seit 1802/03 besaß sie kein Rathaus mehr. Das „Stiftsrathaus“ (heute Zivilkammern des Landgerichts) war vom württembergischen Herzog u.a. für die neue Oberlandesregierung beschlagnahmt worden, Ratssitzungen fanden deshalb seitdem im Spitalsaal statt (fast wie heute wieder!), aber nur wenn dieser nicht für Sitzungen des Oberamts oder Gerichts gebraucht wurde. Auch der Stadtschultheiß wohnte im Spital.
Als der Staat nun ehemals stiftische Gebäude zum Verkauf anbot, griff die Stadt zu. Im Jahre 1844 kaufte sie von der Staatsfinanzverwaltung um 8025 Gulden das Haus in der jetzigen Spitalstraße Nr. 8 mit der Absicht, es in nicht ferner Zukunft als Rathaus zu nutzen.
Im Hungerjahr 1847 wurden in dem Gebäude Suppen für Notleidende gekocht und verteilt, deshalb behielt es lange Zeit den Namen „Suppenhaus“.
Nachdem Stadtrat und Schultheiß das Spital wegen der dortigen Einrichtung einer Krankenanstalt für den Bezirk Ellwangen verlassen mussten, kündigte die Stadt den Bewohnern des städtischen Gebäudes und richtete es auf Martini 1857 als Rathaus ein. Der Schultheiß erhielt im zweiten Stock seine Wohnung. Jahrzehntelang von Ort zu Ort getrieben und in verschiedenen Häusern getrennt und unzulänglich untergebracht, konnte jetzt die Stadtverwaltung endlich in einem städtischen Gebäude vereinigt werden. Auch die Kanzleien der Stadtpflege, des Stadtbauamts und königlichen Gerichtsnotariats fanden in demselben Platz. Ab 1863 diente das gesamte Gebäude „in Hauptbestimmung“ als Rathaus, „ohne ökonomischen Nutzen“ heißt es in den Akten, d.h. wohl ohne Mieteinnahmen für die Schultheißenwohnung im zweiten Stock.
Da die Verwaltung bald schon wieder aus allen Nähten platzte, wurden die beiden benachbarten Gebäude nach und nach für die Verwaltung angemietet und später mit dem Rathaus verbunden: Ab 1942 das Karmannsche Gebäude („Heinles Bierstuben“, heute Modehaus Schmidt, Kauf 1967, 1972 ganz als Verwaltungsgebäude verwendet) und 1956 das Gebäude Spitalstraße 6 (heute Baugenossenschaft). Aus dem Hauptgebäude, der heutigen Musikschule, konnte man diese Nebengebäude über mehrere „Seufzerbrücken“ betreten, darunter eine am Ende des kleinen Ganges neben dem heutigen Raum 14, eine andere anstelle des großen Fensters im Treppenhaus zwischen erstem und zweitem Stock.
1937 erfolgte der Einbau des holzgetäfelten Saales im 2. Stock als Großer Sitzungssaal (heute Vortragssaal der Musikschule).
Aus dem Jahr 1940 existiert ein Plan des Stadtbauamts (Stadtbaumeister Ruckaberle) zum Erwerb und Abbruch des linken Nebengebäudes (Karmannsches Gebäude) und Neubau in baulicher Angleichung an das Hauptgebäude und dessen Barockstil. Daraus wurde wegen des Zweiten Weltkriegs aber nichts.
Der Oberbürgermeister (zuletzt Herr Dr. Schultes) hatte sein Dienstzimmer im 2. OG, im heutigen Raum 24b der Musikschule (Lang, jetzt Bilek und Hama: Klavier), der Bürgermeister und erste Beigeordnete (zuletzt Herr Dr. Dieterich) ggü. im R. 24a (Willand: Cello, jetzt Feiertag: Violine), im Zwischenraum regierten die Vorzimmerdamen. Die heutige Küche war Registratur. Im 1. OG befanden sich die Liegenschafts- und Schulkämmerei (heute R. 15, 16, 17), das Steueramt (R. 11), Sachgebiet Statistik (R. 13) und eine Registratur (R. 14), im EG die Stadtkämmerei (R. 3), Vorzimmer dazu (Büro), die Stadtkasse (R. 1: Publikumsverkehr, R. 5: Chefzimmer, dort befindet sich bis heute der eindrucksvolle Safe!), Hausmeister und Pförtner (R. 2), Registratur der Stadtkasse (Instrumentenkammer in R. 1).

Städtische Musikschule „Johann Melchior Dreyer“ 1989

1989 konnte schließlich die Städtische Musikschule in die altehrwürdige „gnädige Behausung“ einziehen. Durch eine Besonderheit der Raumaufteilung war dieses Gebäude besonders gut für die Zwecke einer Musikschule geeignet: Fast alle der in den jeweiligen vier Ecken der Stockwerke gelegenen Unterrichtszimmer sind durch kleine Zwischenzimmer, bzw. das Treppenhaus, das Büro, den Flur voneinander getrennt, so dass sich die verschiedenen Instrumente gegenseitig kaum stören, obwohl keinerlei akustische Isolation vorgenommen wurde. Lediglich auf dem Gang kann man zu gegebener Stunde alle Instrumente gleich laut durch die dünnen Türen hören ...

Benutzte Quellen und Literatur

Kaufbrief von 1615, StAL (Transkription beim Stadtbauamt Ellwangen)
Bauaufnahme von 1803, StAL, E 232 III, Bü 15, Nr. 4
Beschreibung des Oberamts Ellwangen, Stuttgart 1886, S. 411 (OAB)
Jahreschronik in: EJb 13 (1936/46), S. 167
Albert Rathgeb, Das Rathaus in Ellwangen mit dem neu-erworbenen Nebenhaus, in: Häusergeschichte, Ms., S. 108f. (Kopie v. Stadtbauamt Ellwangen)
Eduard Mildner, Das Ellwanger Stiftskapitel, Ellwangen 1970
Hans Pfeifer, Zur Geschichte der Ellwanger Rathäuser, in: EJb 32/2 (1987/88), S. 66–98, hier S. 93f.
Stefan Schultes, Das neue Rathaus der Stadt Ellwangen, in: EJb 32/2 (1987/88), S. 151–193, hier S. 155–159
Immo Eberl, Die jüdischen Einwohner und die jüdische Gemeinde in Ellwangen. Sieben Jahrhunderte regionaler Entwicklung innerhalb der Geschichte des deutschen Judentums, in: EJb 40 (2004/05)Fremdenverkehrsverein Ellwangen (Hg.), „Aus dem Blick“, Ellwangen 2005

Dank
Für Unterstützung bei diesem Aufsatz bedanke ich mich bei Stadtarchivar Prof. Immo Eberl, Museumsleiter Matthias Steuer und der Mitarbeiterin des Stadtbauamts Frau Lingel.

Stadt Ellwangen
Spitalstraße 4
73479 Ellwangen
Telefon: +49 (0) 7961 84-0
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