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Stadt Ellwangen

Ellwangen Aktuell

Rede zum Volkstrauertag in Ellwangen 2020

Ehrenmal auf dem Friedhof St. Wolfgang von Prof. Fritz Nuss, 1961

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Volkstrauertag, den wir heute begehen, jährt sich heuer zum 101.Male, er hat, wie kann es anders sein, im Laufe seiner Geschichte viele Deutungen und Umdeutungen erfahren, als Gedenktag der Kriegstoten, als Heldengedenktag im Nationalsozialismus und schließlich auch als Volkstrauertag in der BRD, bei dem die kollektive Trauer um alle Kriegstoten, auch die Zivilisten, nicht nur Soldaten, in den Mittelpunkt, und zwar zunehmend in den Mittelpunkt rückte. Und für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration war und ist es der Tag und der Ort, wo man den Kriegstoten der eigenen Familie in Gemeinschaft mit anderen gedenkt. Mehr als 100 Jahre nach dem Ende des Ersten und 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird die generationelle Distanz zu den Ereignissen und Erfahrungen jedoch größer, die Erinnerung daran verblasst oder droht zum leeren Ritual zu werden. Dass solche Gedenktage eine Halbwertszeit haben, zeigt z.B. auch das Denkmal für 11 im Jahre 1866 gefallene Soldaten auf dem Ellwanger Friedhof, dessen Bedeutung vermutlich vielen unbekannt ist.

Was hat uns also der Volkstrauertag 2020 noch zu sagen, worin liegt seine Bedeutung für unsere Gesellschaft – umgangsprachlich und im Jargon der Jugend die „message“?

Nun, der Volkstrauertag ist sicherlich als Tag der gedeuteten Trauer auch immer ein Tag der Rechenschaft, die sich eine Gesellschaft für und vor der eigenen Vergangenheit ablegt. Und so steht dieser Tag im Jahre 2020 sicherlich im Zeichen von 75 Jahren Kriegsende 1945 – 75 Jahren Befreiung vom Nationalsozialismus. Denn eines ist klar: Das Ende des Krieges, das ohne Zweifel viel Leid auch über Deutsche gebracht hat, kann nicht ohne den Auftakt, die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 und den von NS-Deutschland begonnenen Angriffskrieg 1939 gedacht werden.

Lassen sie mich einen kurz Blick werfen auf das Kriegsende 1945 – hier in der Region, auf die Vorgänge im nordöstlichen Württemberg, also in die Gegend zwischen Tauber, Kocher und Jagst im April 1945. Den von Bad Mergentheim vorrückenden amerikanischen Truppen leisten SS-Einheiten, vereinzelt auch Wehrmacht fanatischen Widerstand. Bei der Rückeroberung Crailsheims durch SS-Truppen, der anschließenden Beschießung und Bombardierung Crailsheims durch die Amerikaner wurden große Teile der Altstadt zerstört, hunderte Einwohner getötet - und lange ist damals unklar, ob Ellwangen mit seiner SS-Kaserne nicht das gleiche Schicksal erleiden wird; gleichzeitig wurden die KZ-Außenlager Kochendorf und Hessental evakuiert und Hunderte Häftlinge wie Vieh von der SS auf Todesmärschen in Richtung Dachau getrieben – auch durch Ellwangen; und auch wenn der Kampf um Ellwangen schließlich glimpflicher ablief als damals befürchtet, so fanden doch in den umliegenden Dörfern, Eggenrot, Pfahlheim, Lippach oder Oberdorf bei Bopfingen mörderische Kämpfe mit vielen Toten statt.

Die Kriegsfurie war also gewaltig zurückgekehrt an den Ort, wo sie losgetreten wurde, nämlich nach Deutschland, von wo aus der rassistisch-weltanschauliche Angriffs- und Vernichtungskrieg, der so viel Leid und Schrecken über Europa gebracht hat, entfesselt worden war. Und wenn wir diese Ereignisse nun so nüchtern erzählen, dann müssen wir uns immer klar machen: wir hören dabei nicht die Schreie des von einem Bauchschuss getroffenen Soldaten, der stundenlang verblutet, wir sehen nicht mit eigenen Augen die gemarterten, halbtoten, sich gegenseitig stützenden Leiber auf den Todesmärschen, und wir fühlen nicht die Angst der Frauen und Kinder in ihren Kellern vor dem Bomben. Weil die allermeisten von uns diese Erfahrungen – man muss sagen Gott sei Dank und Europa sei Dank! - nicht persönlich gemacht haben, sind wir aber umso anfälliger, sie als historische Erfahrung zu vergessen.

Der Philosoph Karl Jaspers hat im Jahre 1949, rückblickend auf die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, diagnostiziert, dass in einer solchen Herrschaft das „Triebhafte fessellos hervorbreche“ und das „nur scheinbar Gebändigte die Decke der geschichtlich erworbenen Zivilisation zerreiße“. Und damit hatte er, kaum 4 Jahre nach Kriegsende, sicher recht. Umso mehr, und das scheint mir die erste Lehre aus der Geschichte zu sein, gilt es wachsam zu sein gegen alle Tendenzen, die in Tat und Wort gerade das Niedrigste im Menschen, die schiere Triebhaftigkeit, Hass und Mordlust hervorkehren und jegliche Vernunft verleugnen und an den Rand drängen.

Aber wenn wir genauer hinschauen in den April 1945, auch, aber nicht nur in unsere Region, dann sehen wir mitten in diesen grausamen Tagen auch Männer und Frauen, die eine militärische Verteidigung und damit eine Zerstörung ihres Ortes verhindern wollten – entgegen den Befehlen und Anweisungen der deutschen Kommandeure. Sie versuchten Kontakt mit den Amerikanern aufzunehmen, entwaffneten kampfbereite Hitlerjungen oder stellten sich vor eine Panzersperre, so dass diese nicht besetzt werden konnte. Und nicht wenige bezahlten dafür, dass sie in dieser kritischen Phase Verantwortung übernehmen wollten, mit ihrem Leben – das regional bekannteste, aber bei weitem nicht einzige Beispiel sind die Männer von Brettheim, die kampfbereite Hitlerjungen entwaffneten und dafür von der SS an den Friedhofslinden aufgehängt wurden. Auch in Ellwangen hissten mutige Männer inmitten des amerikanischen Artilleriebeschusses und bei immer noch anwesenden SS-Truppen weiße Fahnen auf der Basilika und ließen die Glocken läuten als Signal der Übergabebereitschaft der Bevölkerung.

Verantwortung war für diese Menschen kein abstraktes Prinzip, sondern konkretes Handeln, aber ein Handeln, das an einer humanen Vernunft orientiert und auf das Bestehen ihrer lokalen Gemeinschaft, wenn man so will auf lokale Solidarität ausgerichtet war.

Verantwortung für sich und die Gesellschaft aus freiem Willen heraus zu übernehmen, meine sehr geehrte Damen und Herren, ist das Gegenteil von Wegsehen und Mangel an Solidarität, was Karl Jaspers den Deutschen in der Mehrzahl schon 1946 als metaphysische Schuld zurecht vorgeworfen hat.

Wer Verantwortung nicht im Kleinen und rechtzeitig übernimmt, muss sich nicht wundern, wenn im Großen Frieden und Freiheit gefährdet sind. Und dies ist aus meiner Sicht die zweite Lehre bei der Betrachtung der Geschichte: Frieden ist nicht selbstverständlich, er ist leicht verspielt und muss immer wieder gestiftet werden; auch die Freiheit ist schnell in Gefahr, und es beginnt meist damit, dass die niedrigsten Triebe des Menschen geweckt werden, dass Hass und Intoleranz, nationalistische Überheblichkeit und Größenwahn Einzug halten. Verantwortung ist insofern eine Bedingung freiheitlicher Gesellschaften. Und: Verantwortung beginnt für uns alle zunächst und zuerst auf der Ebene, auf der die Demokratie im alten Griechenland entstanden ist, auf der Ebene der Gemeinde. Dort entwickelt sich die erste und eigentliche Form und auch das Gefühl für eine Verantwortungsgemeinschaft.

Und damit sind wir auch ganz in der Gegenwart, wo wir in einer grundlegend anders gearteten Ausnahmesituation leben: auch jetzt wird es nur gehen, wenn wir uns als Verantwortungsgemeinschaft verstehen, wo der eine auf den anderen aufpasst und sich sorgt, in den Schulklassen und Betrieben, in den Vereinen und im Privaten. Freiheit ist nur Freiheit, wenn sie an Verantwortung gebunden ist. Sich dieser Tatsache in Krisenzeiten insbesondere vor dem Hintergrund historischer Erfahrung gerade auf lokaler Ebene zu erinnern, ist der Volkstrauertag bedrückender, aber auch sinnstiftender Anlass zugleich.

Hier können sie den vorgelesenen Text anhören. (MP3 ca. 4MB)

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